Tugela Ferry

Philani & Nandi

Eine moderne Shopping-Mall, besseres Wasser, mehr Strom – aber auch mehr Schlaglöcher in den Strassen, Kühe und Geissen, die den Weg versperren, und noch immer kaum Internetzugang. Das ist Tugela Ferry, eine der ländlichsten Kommunen in Südafrika, wo neben einem Bürgermeister noch immer Zulu-Stammeskönige das Sagen haben und Ahnenkult und Tieropfer an der Tagesordnung sind. Das ist Tugela Ferry: Ein Ort in dem sich Rückständigkeit und Armut mit neuem Wohlstand und den Errungenschaften der westlichen Zivilisation konkurrenzieren. Vieles hat sich zum Guten entwickelt, seit ich hier vor zehn und zwölf Jahren während fast vier Monaten in einem Waisenkinderprojekt mitgearbeitet habe. Vieles ist aber auch immer noch genau gleich, wie ich es in Erinnerung hatte.

Für mich, Lukas, war es ein nach Hause kommen. Wieder einmal – oder noch einmal – diesen Ort zu besuchen, an dem ich schon zweimal so viel mit Gott erlebt hatte, an dem ich viel über das Wirken des Heiligen Geistes gelernt hatte, an dem jeder Tag neue Überraschungen bereithält. Schnell merkte ich, dass ich hier in gewisser Weise einen Teil meines Herzens zurückgelassen hatte. Damals konnte ich hier aus den diversen Schubladen, in denen ich in der Schweiz steckte, klettern und so einige mir bis dahin unbekannte Seiten und Stärken meiner Persönlichkeit entdecken. Das war es auch, was ich an der Zeit in Tugela Ferry so sehr liebte und was mich immer hierhin zurückzog. Hier bin ich lebendig und aktiv, genau so wie es mein Zulu-Name, Philani, vermuten lässt. Diesen Teil meines Herzens, den ich hier zurückliess, packte ich nun wieder ein und bringe ihn Ende September mit in die Schweiz. Gut möglich, dass das heisst, dass wir nie mehr hierhin zurückkehren werden.

Der Gedanke daran, dass wir womöglich nie mehr in dieses braune Wüstental in Msinga zurückkehren, fällt mir, Viviane, schwerer als erst vermutet. Zu gerne würde ich mich persönlich davon überzeugen, dass all die süssen kleinen Knöpfe aus dem Kindergarten die ersten paar Jahre in der Primarschule gut überstehen. Zu gerne würde ich wissen, ob die Mädchen und Jungs aus den Dörfern gute Jobs finden. Zu gerne nochmals die Mamas treffen und ihnen gratulieren, dass sie in dieser harten Welt ihre Kinder gross ziehen. Ich möchte die zukünftige Frau unseres Freundes Mbo kennenlernen und unbedingt Marco und Michelle wieder treffen.

In Marco und Michelle haben wir unerwarteter Weise zwei wunderbare Freunde gefunden. Die beiden Missionare leben mit ihren zwei Teens schon fast so lange in Tugela Ferry, wie ich auf der Welt bin. Sie sprechen fliessend Zulu und werden nicht müde, Woche für Woche in abgelegene Dörfer und Hütten zu fahren, um mit den Kindern zu spielen und ihnen und ihren Müttern von Jesus zu erzählen. Gemeinsam haben wir Stunden vor dem Feuer in ihrem Wohnzimmer verbracht und Tee getrunken und geredet. Sie sind es auch, die mir so nebenbei zu meinem eigenen Zulu-Namen verhelfen: Nandi. Was so viel heisst wie «wohltuend».

Mehr als nur wohltuend war es, der Witwe, die alleine sieben Kinder grosszieht und ihre Rundhütte jede Woche für die Kirche zur Verfügung stellt, einen grossen Sack voller Lebensmittel zu bringen. Sie findet kaum Worte, um ihre Freude über das Geschenk zu umschreiben. Am Abend bevor wir die Ration Lebensmittel vorbeigebracht haben, hat sie gemeinsam mit ihrer Schwester die ganze Hütte nach etwas Essbarem abgesucht. Abgesehen von ein paar Bohnen, finden sie nichts. Also beten sie. Dass Gott ihr Flehen jedoch so schnell erhört, haben sie nicht einmal zu träumen gewagt.

Wir hatten keine Ahnung, wie gross die Not dieser Familie wirklich war, als wir für sie einkaufen gingen. Aber endlich konnten wir jemandem helfen. Wenigstens für ein paar Tage. Immer wieder sind wir auf unserer Reise Menschen begegnet, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen. Mal mehr und mal weniger offensichtlich. Meist blieben wir ratlos zurück. Was hilft wirklich? Die Gedanken setzen angesichts des Elends dieser Menschen aus. Wir haben so viel und sie so wenig. Was kann ich geben? Ideen kommen mir erst viel zu spät, wenn wir schon lange weitergereist sind. Abgesehen von diesem Mal. Wir sind froh darüber und genauso wie die arme Witwe danke ich Gott dafür, dass er sie unseren Weg kreuzen liess.