Singapur

Asien mal anders

Eigentlich wollten wir am Sonntag ja eine Megachurch besuchen. So eine, wo man mit der Rolltreppe in den Gottesdienst-Saal fährt, weil ihn so viele Leute besuchen. Eigentlich. Schlussendlich haben wir Freunde von Freunden getroffen und sind mit ihnen in den Jugendgottesdienst ihrer Gemeinde gegangen. Dieser beginnt am Sonntagnachmittag um halb zwei und dauert fast bis vier Uhr. Es sind nicht annähernd so viele Leute wie in einer Megachurch anwesend und eine Rolltreppe gibt es auch nicht. Dafür einen Fahrtstuhl. Immerhin.

Beeindruckt sind wir trotzdem. Vor allem davon, wie wichtig und selbstverständlich es für die Christen dieser Kirche ist, zu «missionieren». In der Schweiz ist dieses Wort ja schon fast ein Schimpfwort geworden. Missionierende Christen sind ein Albtraum. Sie übertreten anscheinend jegliche Grenze persönlicher Meinungs- und Glaubensfreiheit und verströmen konstant einen leicht kolonialistisch anmutenden Duft. So nehme ich das auf jeden Fall häufig wahr.

Auf jeden Fall sind wir jetzt also in Singapur, wo das irgendwie anders ist. Nach dem Gottesdienst treffen wir den leidenschaftlichen jungen Lobpreisleiter beim «Käfele». Mehr oder weniger unvermittelt drückt er uns seine Dankbarkeit dafür aus, dass «wir» (die europäischen Missionare) vor vielen Jahren den christlichen Glauben nach China gebracht haben. Es ist für ihn ein Wunder und das grösste Geschenk, dass seine Oma auf unergründliche Weise «missioniert» und so Christin wurde und er dadurch Jesus kennenlernen konnte. «Ich will euch dafür ehren, dass ihr uns dieses Geschenk gemacht habt.», sagt er mehrmals.

Wir sind aber nicht nur von den Christen in Singapur beeindruckt, sondern einfach auch von der Stadt. Schon nach wenigen Stunden krönt sie Lukas mit dem prunkvollen Namen «Das bessere Zürich». Zum Beispiel weil alles an dieser Stadt blitz-blank ist. Sogar der Stadtteil «Little India», wo wir zweimal herrliches Indisch geniessen, ist aufgeräumt. Es gibt keinen Vandalismus, keine Graffitis und kein Dreck. Als Lukas im Einkaufszentrum einen Schnipsel Glacé-Papier verliert, fühlt er sich automatisch verantwortlich dafür, ihn aufzuheben – ihn liegen zu lassen, wäre einem Affront der örtlichen Kultur gleichgekommen.

Doch nicht nur das, der Stadtstaat ist auch innovativ. Findet immer neue Wege, die Wirtschaft anzukurbeln. Fördert gleichzeitig ein riesiges öffentliches Verkehrsnetz und den Individualverkehr. Pflanzt für jeden neuen Einwohner einige Quadratmeter Grünfläche, damit die Stadt lebenswert bleibt – wenn nötig auf den Dächern oder Wänden (Stichwort «Vertical Gardens») von Hochhäusern. All die Errungenschaften des Landes sind einer äusserst starken Regierung zu verdanken. Leute, die sich dem System widersetzen, bekommen den Arsch versohlt (weil das am meisten schmerzt und am wenigsten Folgeschäden hinterlässt) und dürfen danach gehen. Als der Regent, Lee Kuan Yew, letztes Jahr verstarb, haben ihm Hunderttausende Singapurer kondoliert, seinetwegen geweint und tagelang getrauert.

Diese Volkstrauer und die echte Loyalität der Singapurer gegenüber ihrer strengen Regierung beeindruckt uns. Und sie zeigen uns: Auch in Asien ist Ordnung möglich. Und Fortschritt. Und Wirtschaftswachstum und Sicherheit. Wenn integre und unbestechliche Leute das Land führen, die zuerst ans Volk denken. Und wenn man bereit ist, einen Preis dafür zu zahlen.