Phnom Penh & Siem Reap

Das leidgeprüfte Lächeln

Verbittert, kühl, abgekämpft – so hätte die Begrüssung in Kambodscha auch ausfallen können. Diesem Land, das erst seit 1997 in einem äusserst zerbrechlichen Frieden lebt. Das Land, das zuerst von einem umfassenden amerikanischen Flächenbombardement während dem Vietnamkrieg und danach von abscheulichen Jahren unter der barbarischen Diktatur der Roten Khmer geschunden wurde. Den Grausamkeiten der Roten Khmer fielen 2 Millionen Kambodschaner zum Opfer, ein Drittel der Bevölkerung. Nichtsdestotrotz begrüsst der Taxifahrer am Boots-Pier in Phnom Penh uns mit einem verschmitzten Lächeln. Sein Englisch ist besser als das jedes Tour-Guides oder Hotel-Managers in ganz Vietnam.

Überall wo wir in den nächsten vier Tagen hinkommen werden, lächeln die Menschen, sind warmherzig und freuen sich über ihre Gäste. Ihre Arbeit scheint weniger Pflicht als Lebensinhalt. In der Hauptstadt, Phnom Penh, mag ihre Freude irgendwie noch passen. Die Stadt ist im Aufbruch, die Parks sind gepflegt, Hochhäuser wachsen gegen den Himmel. Definitiv im Gegensatz dazu stehen das karge Leben und die weiten, ausgetrockneten Ebenen auf der Fahrt Richtung Siem Reap. Der Monsun wird sehnlichst erwartet.

Wie wir später erfahren werden, waren diese Landstriche nicht immer so karg während der Trockenzeit. Um das 12. Jahrhundert herum war das Khmer-Königreich eine der entwickeltsten Kulturen der Welt. Ihre Hauptstadt, Angkor, war die grösste ihrer Zeit, mit 1 Million Einwohnern. Damals entwickelten die Kambodschaner ein Bewässerungssystem, das drei Ernten pro Jahr ermöglichte. Heute wird dem Boden eine einzige Ernte abgetrotzt, geschuldet einer hochkorrupten Regierung, die zu guten Teilen immer noch aus ehemaligen Anführern der Roten Khmer besteht. Das alles erzählt uns unser Tempel-Guide in Angkor. Auch eine Erklärung für das freundliche Lächeln allerseits hat er: «Wir sind einfach froh, dass endlich Frieden ist.» Trotzdem: «Wir jungen Leute sind sehr unzufrieden mit der Regierung.» Die Fortsetzung der Geschichte ist offen. Seanut, so sein Name, ist junger Familienvater und liebt seinen Job. Bei 40 Grad Celsius führt er uns durch die riesigen und eindrücklichen Ruinen von Angkor Thom, das weltbekannte Angkor Wat und den im Wald versteckten Ta Prohm-Tempel.

Auch zwei eindrücklichen Schweizern begegnen wir. In einem schönen Café spricht uns Ruedi, ein Schreiner aus Steckborn an, als er merkt, dass wir seine Sprachd sprechen. Vor Jahren hat er auf einer Reise mehr oder weniger zufällig einen Kambodschaner getroffen, der es sich zum Ziel gemacht hat, kambodschanischen Waisenkindern ein Zuhause und eine Zukunft zu bieten, weil er selbst ein Waisenkind ist. Beeindruckt von der Initiative eines Einzelnen hat Ruedi seinen Job gekündigt und arbeitet nun als Selbständiger. Das ermöglicht ihm, zwei Monate im Jahr in diesem Waisenheim Schreiner auszubilden und das Haus zu reparieren. Am selben Abend essen wir im Restaurant «Haven» (sicherer Hafen). Auf der Menükarte steht neben diversen kambodschanischen Gerichten auch «Züri Gschnätzlets». Bald fällt uns auf, dass die Inhaberin Schweizerin ist. Wir kommen mit der energiegeladenen jungen Frau ins Gespräch. Sie und ihr Mann haben das Restaurant als Startchance für junge Menschen gestartet, wo diese im Service oder als Koch angelernt werden und dabei erst noch fair bezahlt werden.

Uns berührt, mit welchem persönlichen Einsatz diese beiden Schweizer und bestimmt ganz viele weitere Menschen dem leidgeprüften kambodschanischen Volk helfen. Und es berührt uns, wie die Kambodschaner versuchen, ihre Vergangenheit zurückzulassen und ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen – und dabei stets ein Lächeln auf dem Gesicht haben. Schon jetzt steht fest: Falls wir Asien wieder einmal einen Besuch abstatten, werden wir ganz bestimmt mehr als vier Tage in diesem grossartigen Land verbringen.