Ost-Nepal

Cola auf 2'000 Metern

In meinem Kopf drehen die Sirenen auf Alarmstufe rot: Achtung nepalesisches Wasser! Streptokokken! Durchfall! Erbrechen! Viren! Nicht trinken! – zu spät. Der freundliche Nepalese hat schon Cola in den Becher gefüllt, der eben noch am «Brunnen» (ein aus dem Boden ragender Gartenschlauch) ausgewaschen wurde. Cola. Was für eine Ehre. Wie überhaupt alles, was gerade geschieht. Wir sitzen auf den wahrscheinlich einzigen Stühlen des Hauses am einzigen Tisch weit und breit (alles aus Plastik versteht sich) und vor uns werden silberne Papp-Teller mit Dal Bhat, dem nepalesischen Nationalgericht, aufgetürmt. Dazu frisches Gemüse und Trauben (schon wieder der Wasser-Alarm im Kopf).

Die anderen Gäste, fünf Gemeindegründer aus der Region, sitzen auf dem Boden oder stehen irgendwo um uns herum. Einige von ihnen sind bis zu drei Tagen zu Fuss gelaufen, um uns hier in Matsyapokhari, 2’000 Meter über Meer, am Rande des Himalayas zu treffen. Eigentlich ist mir das nicht recht. Sie sollten sitzen. Wir haben ja fast die gesamte Reise mit dem Geländewagen hinter uns gebracht. Aber so ist das hier. Sie fühlen sich durch unsere Anreise aus der Schweiz geehrt. Vor dem Mittagessen haben sie uns Blumenkränze aus Rhododendren um den Hals gelegt – ein weiteres Zeichen dafür, dass sie sich über unseren Besuch freuen. Dann durfte jeder von uns in der «Kirche» kurz etwas sagen. Ich will etwas über Jesus den guten Hirten sagen. Nicht jedoch bevor ich mich versichert habe, ob es in Ordnung ist. Denn wahrscheinlich sagen hier Frauen nichts über Bibelverse. Genauso wenig, wie sie Männern zur Begrüssung die Hand schütteln.

Viel zu schnell ist die gemeinsame Zeit im einsamen Lehmhaus zwischen Reisfeldern und Kardamonsträuchern vorbei. Wir müssen zurück bevor es dunkel wird und verabschieden uns mit gefalteten Händen und «Jai Mashihi». Das heisst so viel wie «Gelobt sei der Erlöser! (Jesus)». Auf diese Weise grüssen sich die Christen in Nepal – Es ist sozusagen ihr Erkennungszeichen. Das bekanntere «Namaste» überlassen sie den Buddhisten und Hindus.

Unser Geländewagen kämpft sich im ersten Gang die holperigen Bergwege empor. Dazu dudelt wie schon auf dem Hinweg nepalesische Sing-Sang-Musik. Sie lässt mich glauben, der Wagen befinde sich in einem Tanz mit dem Berg. Genauso wie die Bewohner der Bergregionen. Sie tanzen mit den Bergen und ihren Leben hier. Tanzen manchmal auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Viele sind krank. Babies essen zu wenig und sind zu schwach, um zu gehen. Der Alltag ist hart. Der Boden ist vom vielen Reisanbau ausgelaugt. Aber sie tanzen gemeinsam. Seite an Seite. Dadurch und durch ihr sanftes Lächeln beeindrucken sie uns zutiefst.