Neuseeland – Südinsel Westküste

Das Schöne sehen

Regen, Regen und nochmals Regen – in jeder nur erdenklichen Intensität. Dazu Winde, die unseren kleinen Campervan von der Strasse zu fegen drohen, Bodenfrost am frühen Morgen und lästige «Sandflies» (sehen aus wie etwas zu gross geratene Fruchtfliegen, tauchen immer in Schwärmen auf und stechen etwas heimtückischer als Mücken). Als Höhepunkt: Nach zwei Tagen ohne duschen, freuen wir uns bei diesem Camping-Platz auf die im Internet verheissene warme Dusche im Hotel nebenan. Nur dumm, dass das Hotel in der Nebensaison – sprich jetzt – geschlossen hat.

Was sich im ersten Moment nicht gerade nach tollen Ferien anhört, hat uns etwas viel Besseres offenbart: Das Schöne im vermeintlich Schlechten zu entdecken.
So regnete es während unserer Kurzkreuzfahrt mit Übernachtung im spektakulären Doubtful Sound, einem riesigen Fjord, ohne Unterlass. Die Sicht war erbärmlich. Aber: Wir sehen seltene Hector-Delfine meterhoch aus den Wellen springen, unternehmen mit dem Schiff eine tolle «Achterbahnfahrt» im aufgewühlten Pazifik und fahren direkt unter temporäre Wasserfälle, die es nur gibt, weil es eben so stark regnet.

In den neun Tagen an der Westküste sehen wir so viele Regenbogen, wie wir wohl in unserem ganzen Leben zusammengezählt noch nicht gesehen haben. Einige Male drei gleichzeitig, an gewissen Tagen mehr als ein Dutzend. Jedes Mal erinnern sie uns daran, dass es neben dem vielen Regen auch wieder einmal sonnigere Zeiten geben wird. Und tatsächlich gab es auch diese.

So wandern wir an einem wunderschönen Herbsttag durch den Mt. Aspring-Nationalpark zum Rob Roy-Gletscher. Eine 30 Kilometer lange Kiesstrasse, die durch mehrere Bachbeete führt, bringt uns dorthin (Das bitte weder unseren Müttern noch der Autoversicherung erzählen ;-)). Mystisch und wunderschön ist der Anblick von ausgedehnten Wäldern am Lake Paringa, die in der Morgenfrische vom nächtlichen Regen dampfen. Und als wäre das nicht schon genug: Am letzten Morgen auf der Südinsel (noch am Abend zuvor hatte es geregnet, wie könnte es anders sein?) werden wir von einem fantastischen Sonnenaufgang über einer abgelegenen Meeresbucht aufgeweckt und während dem Frühstück beobachten wir Delfine. Glückseeligkeit.

Doch nicht nur das: Das meist miese Wetter hält uns oft abendelang in unserem winzigen Campervan, Masse mit aufgebautem Bett 2 x 1.50 x 0.70 Meter. Doch diese 2 Kubikmeter Luft genügen, um gut zu essen, herumzualbern, zu diskutieren, zu lesen, sich warm einzukuscheln und für so vieles mehr. Diese kleinen Dinge sind es – das Schöne und Kostbare am Leben und der Grund dafür, dass wir diese Zeit auf keinen Fall missen wollen.