Hué & DMZ

inspirierende Begegnungen in einer geschichtsträchtigen Stadt

Nach 13 Stunden Fahrt mit dem Nachtzug glaubten wir uns in einem Provinznest – diesen Eindruck vermittelte uns zumindest der kleine, ungepflegte Bahnhof von Hué. Doch bald lernten wir die Stadt in Zentralvietnam von ihrer charmanten Seite kennen: spürbar kleiner und aufgeräumter als die Metropole Hanoi, mit vielen hübschen Restaurants und einer Uferpromenade, die den Namen auch wirklich verdient.

In Hué machen wir vor allem aus einem Grund Halt. Wir möchten in die vietnamesische Geschichte eintauchen und die riesigen kaiserlichen Stadtanlagen, auch sie sind UNESCO-Weltkulturerbe, besichtigen. Bei schier unerträglicher Hitze brechen wir auf und was wir antreffen überrascht uns immer wieder von neuem. Hinter jedem Tor, findet man einen neuen Park, ein neues Wohnhaus, einen neuen Tempel. Was nach dem Vietnamkrieg bereits restauriert wurde, vermittelt ein untrügliches Bild vom einstigen Prunk, der auf wohltuende Art und Weise unaufgeregt war. So dient jeder Hof einem ganz bestimmten Zweck. Wir kommen aus dem Staunen und Entdecken gar nicht mehr heraus und lassen uns nur von der abendlichen Museumsschliessung wieder vertreiben.

Damit hätte es sich mit dem Sehenswürdigkeiten Hués aber auch schon – dachten wir zumindest. Denn am selben Abend (es ist übrigens mein Geburtstag) essen wir im „Nina’s Café“, einem liebevoll eingerichteten Hinterhof, wo exzellentes Essen serviert wird. Während dem Warten blättern wir durch einen Katalog mit Touristen-Touren. Eine Tour springt uns ins Auge. Sie führt durch die DMZ, die von 1954 bis 1965 demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südvietnam. Ich frage unsere Bedienung, ob uns jemand noch einige Fragen zur Tour beantworten könnte. Sie sagt: „Ich.“ So lernen wir Nina, die 25 Jahre junge Restaurant-Inhaberin kennen. Einige Tage später werden wir sie und ihren Bruder als Fahrer und Tour-Guide auf dem Weg zu unserem nächsten Reiseziel Hoi An anheuern und mit ihr einen wunderbaren Tag verbringen und so einiges über Vietnam lernen.

Doch zurück zur Tour durch die DMZ. Wir buchen sie und am nächsten Tag holt uns ein älterer Vietnamese im Hotel ab. Dass er bereits 70 ist, hätten wir niemals erraten. Wir fahren los in die 50 Kilometer entfernte demilitarisierte Zone und kommen rasch ins Gespräch. So finden wir vieles über unseren Guide Vienh heraus. Während dem Vietnamkrieg arbeitete er als Übersetzer für die US Army, wurde in einem Fronteinsatz verwundet und ins Büro zu einem gewissen General Colin Powell versetzt (der es danach bis zum amerikanischen Verteidigungsminister brachte). Als der Süden von den Kommunisten überrannt wurde, wird er verhaftet und in ein Internierungslager gesperrt. Und weil man den Vietnamesen nicht alles glauben soll, öffnet er einen Briefumschlag. Darin befindet sich eine Urkunde mit dem Siegel der US Army und der handschriftlichen Unterschrift Powells, auch einen Orden präsentiert er uns stolz. Dieser Mann also, der selbst Teil der Geschichte war, führt uns durch die DMZ, die einst Nord und Süd friedlich voneinander trennen sollte und während dem Vietnamkrieg zu den Hauptschauplätzen etlicher Schlachten wurde. Er führt uns durch die kilometerlangen von Hand angelegte und bis zu 23 Meter tiefen Vinh Moc-Tunnels, die Dorfbewohner zum Schutz vor Bombenangriffen angelegt hatten. Sie lebten monatelang in den engen, feuchten Tunneln und brachten dort 17 Babys zur Welt. Für uns sind sie ein untrügliches Zeugnis für den unbändigen Überlebenswillen von Menschen. Wir besuchen den Grenzfluss Bien-Hai und die einzige Brücke, die darüber führte. Und wir fahren der Strasse entlang, die als „Highway of Horror“ in die Geschichte einging. Als hier 1969 die südvietnamesische Armee auf dem Rückzug ist und sich ihr unzählige Zivilisten anschliessen, geraten sie in einen tödlichen Hinterhalt und werden während Stunden niedergemetzelt. Die amerikanischen Soldaten haben sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit Helikoptern aus dem Staub gemacht. Nur drei Tage sollte es dauern, bis der Süden mit Hilfe der Amerikaner das Gebiet wieder zurückerobert und den nordvietnamesischen Truppen ihrerseits schwere Verluste zufügt. Uns verdeutlicht dies, wie sinnlos in Kriegen viele Menschen sterben müssen.

Eindrücklich – so lassen sich unsere zwei Tage in Hué am besten zusammenfassen. Was wir am meisten in Erinnerung behalten werden, sind die Begegnungen mit zwei ganz unterschiedlichen Vietnamesen – dem alten Vienh und der jungen Nina –, die doch beide wohltuend aufrichtig, interessiert und von Grund auf freundlich waren.