Hanoi & Halong-Bucht

Land voller Widersprüche

Bei unserer Ankunft im brandneuen Flughafen von Hanoi bleibt uns vor Staunen die Spuke weg. Alles ist modern, grosszügig, sauber, läuft reibungslos. Auch die Fahrt auf der sechsspurigen Schnellstrasse ins Stadtzentrum wähnt uns in einem aufstrebenden Land. Doch bereits wenig später ändert sich das drastisch. Als wir durch eine schmale Gasse zu unserem Hotel laufen, sehen wir Familien, die in einem kahlen Raum von 4 x 4 Meter Grösse leben, einfache „Restaurants“ bereiten ihre Mahlzeiten direkt auf der Strasse in verbeulten Pfannen zu – appetitlich wäre anders.

In den kommenden Tagen, in denen wir die Hauptstadt Hanoi und das UNESCO-Weltkulturerbe in der Halong-Bucht genauer erkundigen, begegnen wir immer wieder solchen krassen Widersprüchen oder Gegensätzen. So etwa auf der Überlandfahrt zur Halong-Bucht. An jedem Ortseingang prangt ein riesiges Plakat, auf dem zu sehen ist, wie die Lokalregierung die Region entwickeln möchte ­– mit Wolkenkratzern, Pärken, künstlichen Seen. Alles was davon zu sehen ist, sind die brandneuen, weitläufigen Parteizentralen der Kommunistischen Partei. Wo wir gerade bei der Politik sind: Ich frage unseren Guide, ob man Mitglied der Kommunistischen Partei sein müsse? Er: „Nein, jeder hat das Recht, selbst zu entscheiden, in welcher Partei er sein möchte.“ Ich: „In welcher Partei bist du?“ Er: „Es gibt nur die Kommunistische Partei und wenn man ihr nicht angehört, spricht man nicht über Politik.“ Also lassen wir dieses Thema.

Die Halong-Bucht erkunden wir per Boot – unseres heisst Carina –, auf dem wir in einer wunderschönen Kabine auch zweimal übernachten. Auch das Essen ist hervorragend – trotzdem wehrt sich mein (Lukas) Magen arg dagegen. Langsam gleiten wir vorüber an rund 2’000 kleineren und grösseren Limestone-Felsen in den verschiedensten Formen. Der Nebel, der sich leider nie ganz lichtet, tüncht alles in ein mystisches Gewand. Schade nur, dass das Wasser in diesem wunderschönen Weltnaturerbe zugemüllt ist mit Plastik – wieder so ein Gegensatz. Mit dem Kajak erkunden wir Höhlen und wir besuchen ein schwimmendes Dorf. Unser Touristenführer erzählt uns, wie die Einwohnerzahl drastisch geschrumpft ist, nachdem die Regierung allen Geld zahlt, die aufs Festland ziehen. Dies, damit die Verschmutzung der Bucht abnimmt. Was er im nächsten Satz sagt, erstaunt: „Die Regierung will unbedingt, dass die Leute in den schwimmenden Dörfern bleiben, damit China keine Gebietsansprüche stellen kann.“ Zusammengefasst: Die Regierung will, dass die Leute aufs Festland ziehen und trotzdem bleiben. Wir fragen nach, doch er kann den Widerspruch nicht auflösen. Genau gleich wie jenen, dass die Regierung das Volk vorwärts bringen möchte, die Kinder aber selbst entscheiden können, ob sie zur Schule wollen oder nicht.

In Hanoi machen wir uns auf die Suche nach dem kolonialen Erbe der Franzosen. In Form von mit Bäumen gesäumten Strassen, einer grossen Kathedrale und herrschaftlichen Bauten ist es noch immer deutlich erkennbar. Und weniger ruhmreich in Form des Ho Loa-Gefängnisses, in welchem Revolutionäre inhaftiert wurden. Später sassen dort während dem Vietnamkrieg amerikanische Fliegerpiloten ein. Es wird uns nicht nur wieder einmal vor Augen geführt, zu welch schrecklichen Taten Menschen fähig sind. Wir lernen auch, wie unterschiedlich die Geschichtsschreibung geht. Während wir vom Vietnamkrieg sprechen, heisst er hier „American War“. Im Raum wo’s um die makellose Behandlung der gefangenen amerikanischen Piloten während des Vietnamkriegs geht – die vietnamesische Geschichte geht so, dass sie dermassen gut behandelt wurden, dass sie nun alle Vietnamfreunde sind – gibt sogar der Guide zu, dass einiges Propaganda sein möge. Trotzdem: Wir sind fasziniert und sprechen viel darüber, wie relativ unsere Wahrnehmung von dem ist, was in der Welt abgeht.

So bleibt unser erster Eindruck von Vietnam der von einem Land voller Widersprüche. Wir sind gespannt, was wir in den kommenden Wochen erleben werden.